Community Empowerment in Dohuk (Kurdistan)

Entspannt bei Backofenhitze

Wir fahren von Erbil, Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Irak, nach Dohuk دھۆک. Die Temperatur liegt bei 45° C, die Luft ist staubtrocken, der Schweiß verdampft sofort von der Hautoberfläche. Der Fahrer beweist uns auf der zweistündigen Fahrt nach Norden, dass die Straßen für überhöhte Geschwindigkeiten geeignet sind. Am Straßenrand: Wasserflaschenverkäufer und Wassermelonenstapel.

Workshop Community Empowerment in Dohuk (Kurdistan)
Workshop Community Empowerment in Dohuk (Kurdistan)

Dohuk – eine Stadt, deren Name bei uns in Berlin kaum bekannt ist, die aber rund 600.000 Einwohner*innen hat und stetig wächst. Mehrere hunderttausend Menschen sind in den letzten Jahren in die Region gekommen: Geflüchtet aus Syrien und aus dem vor allem von Jesid*innen bewohnten Sindschar-Gebirge. Wir begleiten in Dohuk ein Projekt der Jiyan-Foundation zum „Community Empowerment“. Dabei werden in zahlreichen Workshops Methoden zur effektiveren Selbstverwaltung und Problemlösung in den Camps und in der lokalen Sozialverwaltung erarbeitet.

Unsere ersten Erlebnisse in Dohuk ähneln denen in Charkiw vor nicht allzu langer Zeit: Wir müssen einige Klischee-Schubladen schließen, die mit Reiseerfahrungen aus islamischen Ländern und festgetrockneten Klischees über den Nahen Osten gefüllt sind. Nicht der Gebetsruf des strengen Muezzin vom Minarett empfängt uns, sondern ein quirliges Vergnügungsviertel, wo abends Familien mit Kind und Kegel unterwegs sind und Allah einen guten Mann sein lassen. Darüber thront der große Staudamm, der, wie so vieles hier, mit den kurdischen Farben geschmückt ist.

Die Stimmung in einem Wort zusammengefasst: Entspannt. Zurückhaltende, aber freundliche und zugewandte Menschen. Es wird fast nur kurdisch gesprochen, mit arabischen Einsprengseln, und der Stolz auf die große Eigenständigkeit ist sehr präsent. Immer wieder werden wir auf liberale Traditionen hingewiesen, auf das trotz aller Probleme funktionierende Nebeneinander von Jesid*innen, Muslim*innen und Christ*innen in der Region. Nur siebzig Kilometer weiter südlich liegt das kriegsgeplagte Mossul, jahrelang vom IS besetzt, doch in Dohuk herrscht seit den 1990er Jahren Frieden.

Workshop Community Empowerment in Dohuk (Kurdistan)
Workshop Community Empowerment in Dohuk (Kurdistan)

Unser Freizeitprogramm hat entsprechend wenig zu tun mit Karl-May-Fantasien. In einem Gartenlokal in Dohuk gibt es Fussball-WM bei kühlem Bier, während nebenan Bingo gespielt wird; wir besuchen eine Tropfstein-Grotte, die sich als Restaurant erweist, gerne mit Stuhl und Tisch im Wasserbecken zwecks Kühlung der Füße; wir besuchen die historische Stadt Amediye auf ihrem Felsen und essen Eis. Ein pensionierter Lehrer sagt uns: „Schaut euch die alten Bauten an, Kirche, Synagoge, alles gibt es da. Auch eine alte Moschee, aber die braucht ihr nicht ansehen. Von Moscheen haben wir hier die Nase voll.“

Bei den Workshops der Jiyan-Foundation dokumentieren wir, führen Interviews und sammeln Informationen, um die dortigen Lernschritte einem breiteren Publikum vermitteln zu können. Dreißig engagierte Teilnehmer*innen beeindrucken uns dort mit ihrer Neugierde, ihrer Offenheit und dem Willen, unter den schwierigen materiellen Bedingungen in den Camps und in der Sozialverwaltung Verbesserungen zu erreichen. Während in Deutschland die Staatskrise ausgerufen wird, wenn ein paar tausend Menschen mehr über die Grenze in eines der reichsten Länder der Erde kommen, hat die Region Dohuk eine Verdoppelung der Bevölkerung durch Flucht und Migration innerhalb einer Generation erlebt. Und ist weiterhin gastfreundlich.